Weinbau und Klimawandel – wohin wandert der Wein?
Der Klimawandel verändert den Weinbau.
Ist das schlimm? Nicht unbedingt.
Weinreben brauchen Wärme – und mehr Wärme müsste dem Weinbau doch eigentlich entgegenkommen. Das stimmt auch – bis zu einem gewissen Grade.
Denn Weinbau ist ein Spiel mit klimatischen Grenzen. Ist es zu kalt, reifen die Trauben nicht zuverlässig. Wird es zu warm, reifen sie zu schnell, verlieren Säure und können zu viel Zucker und damit Alkohol entwickeln. Kommt zur Wärme noch Trockenheit hinzu, gerät die Rebe zusätzlich unter Stress.
Mit dem Klimawandel verändert sich die Landkarte des Weinbaus. Es erfolgt eine Verschiebung der klimatisch geeigneten Gebiete: nach Norden auf der Nordhalbkugel und nach Süden auf der Südhalbkugel1Hans R. Schultz &Gregory V. JonesClimate Induced Historic and Future Changes in Viticulture. Gleichzeitig gewinnen höhere und kühlere Standorte an Bedeutung.
Was braucht Weinbau?
Für Qualitätsweinbau braucht die Rebe eine ausreichend lange Vegetationsperiode mit passenden Temperaturen und ausreichender Wasserversorgung. Dabei unterscheiden sich die Ansprüche deutlich nach Rebsorte. Riesling und Spätburgunder kommen mit vergleichsweise wenig Wärme aus. Cabernet Sauvignon, Syrah oder Grenache benötigen deutlich mehr.
Doch Temperatur und Wasser sind nicht die einzigen Faktoren. Auch der Boden, seine Fähigkeit, Wasser zu speichern und den Wurzeln zur Verfügung zu stellen, sowie die kleinräumigen klimatischen Bedingungen eines Weinbergs spielen eine wichtige Rolle. Genau dieses Zusammenspiel von Klima, Boden und Rebe bildet einen wesentlichen Teil dessen, was im Weinbau mit Terroir bezeichnet wird.
Wärme
Die Erwärmung durch den Klimawandel beschleunigt die Entwicklung der Rebe. Austrieb, Blüte, Reifebeginn und Lese finden früher statt. Für kühle Weinregionen ist das zunächst eine gute Nachricht: Wo Trauben früher nur in guten Jahren zuverlässig ausreiften, verbessern sich die Bedingungen.
Irgendwann kippt dieser Vorteil allerdings. Die Trauben können dann sehr früh viel Zucker einlagern, während sich Säure und bestimmte Aromakomponenten nicht im gleichen Maße entwickeln. Das ist auch für den Rheingauer Riesling relevant. Die Hochschule Geisenheim beobachtet hier bereits Veränderungen bei Säure und Aromakomponenten2International Riesling Symposium 2022.
Wasser
Mindestens genauso wichtig wie die Temperatur ist die Wasserverfügbarkeit.
Mehr Wärme erhöht grundsätzlich den Wasserbedarf der Rebe, weil mit steigender Temperatur auch die potenzielle Verdunstung zunimmt. Gleichzeitig können längere Trockenperioden die Wasserreserven im Boden stärker beanspruchen. Eine Region kann deshalb temperaturmäßig weiterhin hervorragend für Weinbau geeignet sein und trotzdem durch zunehmenden Wasserstress Probleme bekommen.
Auch die Verteilung der Niederschläge spielt eine Rolle. Längere Trockenphasen können sich mit Starkregen abwechseln. Viel Regen in kurzer Zeit ersetzt eine gleichmäßige Wasserversorgung aber nur bedingt, weil ein Teil des Wassers oberflächlich abfließen kann. In Hanglagen kann Starkregen zudem die Erosion fördern.
Terroir, Terroir!
Wenn man mal nur einen Augenblick darüber nachdenkt, dass zu dem, was man allgemein mit Terroir beschreibt, auch das Mikroklima in dieser Region gehört, kann man erahnen, dass der Klimawandel hier zu großen Umwälzungen führen wird.
Erste Lagen und Große Lagen orientieren sich an dem Terroirgedanken. Für die Klassifikation sind außerdem bestimmte Rebsorten vorgegeben.
Wenn sich nun das Klima, das Mikroklima des Standortes, die Wärmeexposition und die Wasserverfügbarkeit ändern, stellt sich die Frage: Was wird aus dem Terroirgedanken?
Die absehbaren klimatischen Veränderungen könnten hier zu spannenden Entwicklungen führen.
Beispiel England: vom zu kalten zum guten Weinland
Noch vor wenigen Jahrzehnten war England für hochwertigen Weinbau schlicht zu kühl. Heute entstehen dort insbesondere Schaumweine, die international Beachtung finden.
Das liegt auch am Klimawandel. Für hochwertigen Schaumwein braucht man keine extrem hohe Traubenreife. Chardonnay, Pinot Noir und Pinot Meunier sollen ausreichend reif werden, gleichzeitig aber eine hohe Säure bewahren. Das inzwischen wärmere Klima Südenglands bietet dafür zunehmend günstige Bedingungen.
Besonders anschaulich ist das Projekt des Champagnerhauses Taittinger in Kent. Dort in Südengland, in der Domaine Evremond, werden Chardonnay, Pinot Noir und Pinot Meunier auf Kreideböden angebaut. Taittinger beschreibt das Klima als vergleichbar mit den Bedingungen in der Champagne vor einigen Jahrzehnten3Taittinger – Domaine Evremond.
Und wenn wir noch weiter in den Norden gehen, nach Sylt, ungefähr 55° nördliche Breite, dann hat dort das Weingut Balthasar Ress aus dem Rheingau seit 2009 seinen nördlichsten Weinberg, bestückt mit Rivaner- und Solaris-Reben4Balthasar Ress – Sylt – Erste Traubenlese in 2013.

Und was bedeutet das für den Rheingau?
Der Rheingau liegt bei ungefähr 50° nördlicher Breite und damit bereits ziemlich weit nördlich im weltweiten Weinbau. Mehr Wärme ist für ihn deshalb zunächst kein Nachteil. Die Trauben reifen zuverlässiger und früher.
Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Welche Lagen werden künftig besonders interessant?
Der Rheingau besitzt auf engem Raum unterschiedliche Höhenlagen, Expositionen und Böden. Hallgarten und Rauenthal liegen beispielsweise höher als viele Weinberge unmittelbar am Rhein.

Höhere Lagen werden durch ihre niedrigeren Temperaturen auch künftig für Riesling interessant bleiben.
Aber höher bedeutet nicht automatisch besser. Die Hochschule Geisenheim weist darauf hin, dass Steillagen wegen ihrer Exposition einen hohen Energieeintrag erhalten und zugleich regelmäßig weniger Wasser speichern. Dadurch können sie bei zunehmender Trockenheit besonders unter Wasserstress leiden5Entwicklung gewinnoptimierter Bewirtschaftungskonzepte für Weinbau in Steillagen.
Entscheidend wird deshalb das Zusammenspiel von Temperatur, Höhe, Exposition, Boden und Wasserhaushalt sein.
Der Rheingau wird deshalb vermutlich nicht einfach „nach oben wandern“. Wahrscheinlicher ist im Verlaufe des Klimawandels eine stärkere Differenzierung innerhalb der Region. Kühlere Standorte können für Riesling wertvoller werden, wasserspeichernde Böden werden an Bedeutung gewinnen.
Der Klimawandel verändert damit nicht nur die geografischen Grenzen des Weinbaus. Er verändert auch die Frage, was künftig eine gute Weinlage ist.
Wie Sie sehen, es bleibt interessant!
Herzlichst grüßt Sie
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