Weinstein im Glas – Weinfehler oder nicht – Teil 4

Vorab

In dieser 5-teiligen Serie stelle ich fünf Besonderheiten vor, denen man beim Genuss von Wein begegnen kann. Bisher hatten wir Petroltöne im Riesling, Depot im Rotwein und Reduktionstöne – von Feuerstein bis Böckser behandelt.

Im vierten Teil widmen wir uns dem Weinstein im Glas.

Oje, Splitter im Glas

Gerade bei Weißwein passiert es manchmal, dass man kleine Splitter im Glas wahrnimmt. Nach dem ersten Schrecken stellt man fest, dass es wohl doch keine Splitter sind, sondern kleine Kristalle, sogenannter Weinstein.

Was ist Weinstein genau?

Als Weinstein bezeichnet man die kristallinen Salze der Weinsäure. Mit chemischem Namen heißen sie Tartrate. Diese Salze entstehen, wenn die Weinsäure mit Mineralstoffen (vor allem Kalium und Kalzium) reagiert. Diese Weinsäure-Salze sind in Wasser nur begrenzt löslich und bilden daher Kristalle.

Wenn man auf diesen Kristallen herumknuspert, so schmecken sie vielleicht etwas säuerlich, sind aber nicht ungenießbar oder gar giftig.

Für die Optik gilt allerdings: Ein Umweg über die Karaffe schadet nicht.

Wie entsteht Weinstein?

Weinstein ist eine Verbindung aus Weinsäure mit Kalium bzw. Kalzium zu Kaliumhydrogentartrat bzw. Kalziumtartrat. Je mehr Säure ein Wein hat und je mehr Mineralien die Trauben im Laufe ihrer Reifung aufnehmen können, um so größer ist das Potenzial für die Bildung von Weinstein.

Es gibt ein paar Bedingungen, die die Bildung von Weinstein begünstigen, z.B.

  • hoher Alkoholgehalt,
  • ein ph-Wert >= 3,2 und
  • niedrige Temperaturen.

Und letztlich auch der verschlagene Begleiter des Lebens, die Zeit.

Gibt es Weinstein auch in Rotwein?

Im Prinzip: Ja. In der Praxis ist dies aber seltener sichtbar.

Das hat mehrere Gründe:

  1. Rotwein bleibt oft länger im Fass. Dadurch hat Weinstein mehr Zeit, sich dort abzusetzen.
  2. Rotwein enthält tendenziell weniger Weinsäure als Weißwein. Also auch weniger Potenzial zur Bildung von Weinstein.
  3. Weißwein wird häufiger kühler gelagert als Rotwein. Was das Ausfallen von Weinstein begünstigt.
  4. Und schließlich: Im hellen Weißwein sieht man Weinstein-Kristalle schlicht besser als im dunklen Rotwein.

Ist Weinstein ein Weinfehler?

Grundsätzlich handelt es sich nicht um einen Weinfehler. Weinstein entsteht aus dem, was im Wein ist und was da auch drin sein soll: Weinsäure und Mineralien.

Weinstein kann sich am Korken der Flasche absetzen oder findet sich auf dem Flaschenboden.

Man kann es in etwa vergleichen mit dem Depot im Rotwein: Im Verlaufe von Gärung und Reifung bilden sich im Weine chemische Verbindungen. Das ist ein normaler und erwünschter Prozess. Wenn diese Verbindungen allerdings zu schwer werden, dann fallen sie aus.

Ist Weinstein ein Qualitätsmerkmal?

Kann man so nicht sagen. Weinstein kann ausfallen. Entweder im Fass oder im Glas. Faktoren, die das Ausfallen von Weinstein begünstigen, sind ein hoher Alkoholgehalt, ein erhöhter pH-Wert sowie niedrige Temperaturen. Unabhängig von der eigentlichen Qualität des Weines.

Es gibt aber auch eine weitere Sichtweise auf den Weinstein:

Je langsamer und schonender die Gärung verläuft, desto weniger Weinstein fällt im Fass aus. Da dann aber der Weinstein vermehrt in der Flasche ausfällt, können Sie ab und an lesen: Weinstein sei ein Qualitätsmerkmal, weil er auf eine schonende Gärung im Fass hinweist. Nun ja, für die Frage, was einen guten Wein ausmacht, gibt es viele Antworten. Und nicht alle Antworten sind vollständig.

Was kann der Winzer tun?

Der Winzer kann Weinstein gezielt vor der Abfüllung entfernen durch Kältebehandlung und Filtration. Das Ausfallen des Weinsteines wird also gezielt vorweggenommen.

Wenn aber der Wein möglichst unbehandelt sein soll, wird der Winzer vielleicht ganz bewusst darauf verzichten, hier Maßnahmen zu ergreifen.

Ob also eine getroffene Maßnahme oder das Unterlassen von Eingriffen ein Qualitätsmerkmal begründen, mag jeder selbst entscheiden.

Fazit:

Weinstein ist kein Weinfehler.

Er ist vielmehr ein sichtbares Ergebnis dessen, was im Wein passiert – ein Nebenprodukt von Reife, Zusammensetzung und Lagerung.

Und ja: Im Glas stört der Weinstein.

Deshalb: Wenn man weiß, dass der Wein Weinstein haben könnte, einfach den Wein vorher dekantieren.

Und immer dran denken: Wein ist ein Naturprodukt.

Herzlichst, Ihr

Rolf Koch

Quellen und Links

wein.plus
Brogsitter
Woschek´s Weinwissen

Reduktionstöne im Wein – 5 Weinfehler, oder etwa nicht? Teil 3

Zwischen Feuerstein und Böckser

In Teil 3 dieser kleinen Serie zu vermeintlichen oder tatsächlichen Weinfehlern geht es um die Einschätzung von sogenannten Reduktionstönen.

Der reduktive Weinausbau erfolgt unter weitgehendem Abschluss von Sauerstoff. Man möchte so die Frische der Weine bewahren und die Primäraromen hervorheben.

Manche Winzer gehen noch einen Schritt weiter und arbeiten bewusst auf einen ganz speziellen Reduktionston hin: eine rauchige kühle Note, die an den Duft von aneinandergeschlagenem Feuerstein erinnert. Manche Weinliebhaber suchen genau diesen Ton, diesen Grip im Aroma.

Reduktionstöne können jedoch auch deutlich weiter gehen – bis hin zu Gerüchen, die an faule Eier, Kohl oder sogar Ziegenbock erinnern, daher der Name „Böckser“.

Wie kommt das und was passiert da? Und immer wieder dieselbe Frage: Weinfehler oder nicht?

Reduktiver Ausbau

Beim reduktiven Ausbau wird der Wein möglichst unter Ausschluss von Sauerstoff hergestellt. Ziel ist es, Oxidation zu vermeiden und die Primäraromen – also die typischen Frucht- und Blütendüfte der Rebsorte – zu bewahren. Dieses Verfahren ist typisch für moderne Weißweine und Rosés.

Die Umsetzung beginnt meist schon bei der Lese: Die Trauben werden kühl und zügig verarbeitet, oft unter Verwendung von Trockeneis oder Stickstoff, um Oxidation zu verhindern. Auch der Gärprozess findet unter weitgehendem Luftabschluss statt. Der Ausbau erfolgt anschließend in Edelstahltanks, die luftdicht verschlossen sind und eine präzise Temperaturkontrolle erlauben.

Was passiert chemisch?

Während der alkoholischen Gärung entstehen im Hefestoffwechsel flüchtige Schwefelverbindungen.

Kommt es zu Ungleichgewichten, kann dieser Stoffwechsel entgleisen. Die Hefe gerät sozusagen unter Stress. Stress für die Hefe kann mehrere Ursachen haben: z.B. Stickstoffmangel im Most oder eine hohe Gärtemperatur. Im Hefestoffwechsel werden vermehrt Zwischenprodukte des Schwefelstoffwechsels, insbesondere Schwefelwasserstoff, freigesetzt.

Was aus den Schwefelverbindungen wird, ist eine Frage des spezifischen Kellermanagements, sowohl beim Gärprozess, als auch beim anschließenden Ausbau des Weines. Ob ich einen besonderen Wein bekomme oder einen Stinker, ist zu einem gewissen Grad steuerbar.

Reinzuchthefen vs. Spontangärung

Verwendet man Reinzuchthefen, deren Verhalten und Nährstoffbedarf genau bekannt ist, so macht das den Gesamtprozess besser steuerbar.

Bei spontan vergorenen Weinen, also wenn die natürlichen Hefen des Weinbergs die Gärung übernehmen, ist dieser Prozess naturgemäß aufwändiger zu steuern.

Insoweit sind merkliche Reduktionstöne bei spontan vergorenen Weinen wahrscheinlicher. Gleichzeitig kann genau diese Dynamik aber auch zu besonders komplexen Weinen führen.

Reduktionstöne – Weinfehler oder nicht?

Feuerstein

Der Feuerstein-Duft ist ein gewollter Reduktionston. Hier geht es um das gezielte Arbeiten in einem Grenzbereich.

Auch dieser Duft entsteht durch verschiedene flüchtige Schwefelverbindungen, allerdings in sehr geringer Konzentration und im Zusammenspiel mit Säure, Frucht und weiteren Aromakomponenten.

Durch Dekantieren kann man hier zwar auch gewisse Verschiebungen bewirken, aber die Besonderheit, der Feuersteinduft, das Mineralische im Geschmack, bleibt weitgehend erhalten.

Diese Reduktionstöne sind also kein Fehler, sie sind ein Charaktermerkmal des Weines.

Böckser – 1

Im vorhergehenden Kapitel sprach ich von flüchtigen Schwefelverbindungen. Hier geht es insbesondere um Schwefelwasserstoff, der während des Gärprozess gebildet wird.

Da dieser flüchtig ist, kann ein Dekantieren oder sonstiges Belüften des Weines hier Abhilfe schaffen. Das heißt, ein anfänglicher Geruch nach faulen Eiern ist noch kein Killer. Das kann verfliegen.

Da diese reduktiven Töne auf einem Kontinuum von Feuerstein bis Ziegenbock gedacht werden müssen, ist es sogar durchaus möglich, dass sich nach dem anfänglichen Schwefelduft eine feinere flintige Note zeigt.

Böckser – 2

Wenn sich aber nun aus diesen Schwefelverbindungen stabilere organische Verbindungen bilden, insbesondere sogenannte Mercaptane (Thiole), dann gibt es diese stechenden Fehltöne, die nach Zwiebeln oder Knoblauch riechen.

Durch Belüften kann man auch hier gewisse Änderungen des Böckser erreichen. Der Duft mag sich etwas verändern, aber man wird ihn nicht wirklich los. Hier haben wir einen echten Weinfehler.

Fazit

Reduktionstöne im Wein – zwischen Feuerstein und Ziegenbock. Interessant sind sie allemal. Und in der heftigsten Ausprägung sind es echte Weinfehler. Unterhalb dieser Ausprägung ist es durchaus eine Frage der Vorlieben.

Herzlichst, Ihr

Rolf Koch

Thematische Links

Im-Rheingau-zuhause.de
ProWein: Reduktiver Ausbau
Weinhalle.de
Weinmarkt
WeinamLimit

Riesling Schleife Schlösserblick

Was macht die Riesling Schleife Schlösserblick aus?

Die Riesling Schleife Schlösserblick1Riesling Schleife Schlösserblick ist eine relativ leichte Tour von ca. 6,8 km Länge. Es sind etwa 135 Höhenmeter zu überwinden.

Die Tour startet in Oestrich-Winkel an der Bushaltestelle Brentanohaus und führt an zwei Schlössern (Johannisberg und Vollrads) und einer stilisierten Burg (Burg Schwarzenstein) vorbei.

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Kloster Eberbach – Riesling aus der Monopollage Wiesbadener Neroberg – mein Wein des Monats März 2026

Kloster Eberbach

Das Kloster Eberbach1Homepage Kloster Eberbach wurde im Jahr 1136 von Zisterziensermönchen gegründet. Es ist eine beeindruckende bauliche Anlage und diente als filmische Kulisse für solche Werke wie „Game of Thrones“ und „Der Name der Rose“2 VDP – Weingut Kloster Eberbach.

Die Basilika im Kloster Eberbach ist nicht zuletzt wegen der besonderen Akustik ein regelmäßiger Veranstaltungsort für Konzerte im Rahmen des Rheingau Musik Festivals.

Im Rahmen eines Besuches der Klosterschänke, die seit November 2025 unter neuer Leitung ist, nutzten wir die Gelegenheit zu einem Abstecher in die Vinothek des Kloster Eberbach.

„Kloster Eberbach – Riesling aus der Monopollage Wiesbadener Neroberg – mein Wein des Monats März 2026“ weiterlesen

5 Weinfehler – oder etwa nicht? Teil 2: Depot im Glas

Worum geht´s?

In dieser kleinen Serie stelle ich fünf Besonderheiten vor, denen man beim Genuss von Wein begegnen kann. In Teil 1 hatten wir als vermeintlichen Weinfehler die Petrolnote im Duft, die bei gereiften Rieslingen auftreten kann.

In Teil 2 geht es um das Depot im Glas bei gereiften Rotweinen. Die Frage ist immer dieselbe: Weinfehler oder nicht?

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