Perspektivwechsel – Teil 1
Ich bin letztens über einen Spruch gestolpert, der mich ein wenig nachdenklich machte: „Worte werden viel häufiger zum Verdecken der Wahrheit verwendet als zur Offenlegung der Wahrheit.“ Da ist ein bisschen was dran. Etwas übertrieben, aber ein brauchbarer Ansatz.
Wenn man sich auf diese Sicht einlässt, verändert das zwangsläufig den gesamten Fokus. Es erfolgt ein Perspektivwechsel. Weg von „Was will er mir sagen“ und hin zu „Was bleibt offen“.
Kleine Warnung vorweg: Dieses Tool sollte man nur sparsam einsetzen.
Es ist kontraproduktiv, wenn alles durch diese Brille gesehen wird. Denn es soll hier nicht um Misstrauen gehen. Es geht um das Bewusstsein, dass der Andere das Recht hat, etwas nicht zu sagen. Es geht darum, den anderen richtig zu verstehen, auch in dem, was er nicht sagen möchte. Die richtigen Nachfragen zu stellen und im Zweifel es auch dabei zu belassen, dass man etwas nicht erfährt. Es ist das gute Recht eines jeden, Geheimnisse bewahren zu dürfen.
Es geht nicht darum, den Anderen zu entlarven oder zu erwischen. Es geht darum, ein besseres Verständnis für die jeweilige Situation und den jeweiligen (Kommunikations-) Partner zu bekommen.
Perspektivwechsel – Teil 2
Einen ähnlichen Perspektivwechsel mit Wow-Effekt hatte ich erlebt, als ich in den 1990-ern das 4-Ohren-Modell von Friedemann Schulz von Thun kennen lernte1Friedemann Schulz von Thun: Das Kommunikationsquadrat. Ein Modell, das damals schon über 10 Jahre alt war. Ein sehr hilfreiches Kommunikationsmodell, nach dem eine Aussage auf 4 verschiedenen Ebenen, also quasi mit 4 verschiedenen Ohren gehört werden kann:
- die Sach-Ebene (was ist der sachliche Inhalt der Aussage?)
- die Beziehung-Ebene (was sagt die Äußerung über die Beziehung zwischen dem Sprecher und mir?)
- die Appell-Ebene (was ist die Aufforderung an mich?)
- die Selbstoffenbarungsebene (was sagt der Sprecher gerade implizit über sich selbst aus?)
Ich will hier nur auf eine Ebene näher eingehen, die Selbstoffenbarungsebene. Auch hier wieder der Blick weg vom Offensichtlichen und hin zu dem, was etwas versteckt daher kommt.
Es passiert doch allzu oft, dass man Aussagen anderer sich selbst zu Herzen nimmt. Und da bringt der Blick auf die Selbstoffenbarungsebene einen erfrischenden Perspektivwechsel: „Was sagt seine Aussage gerade über ihn selber aus?“ „Warum ist er gerade so unfreundlich?“ „Warum wirkt er so ungeduldig?“
Kurz gesagt: „Was ist denn hier sein Problem?“ Eine deutlich entspanntere Sicht als die klamme Frage: „Hab ich gerade ein Problem?“ Also: Der Perspektivwechsel von mir auf den anderen.
Ich habe versucht, diese Sicht auf die Selbstoffenbarungsebene meiner Tochter nahe zu bringen. Von klein auf. Schau auf das Gegenüber. Welche Aussage macht er gerade über sich? Wo steht er? Wo kann man ihn abholen?
Das hatte zur Folge, dass heutige Diskussionen zwischen ihr und mir immer wieder auf die Meta-Ebene rutschen und sie mich nach meinen Beweggründen fragt. Ist manchmal lästig. Aber ich bin riesig stolz auf meine Tochter. Sie macht das wesentlich besser als ich.
Perspektivwechsel – Teil 3
In beiden vorgenannten Fällen geht es um den Blick auf das nicht so Offensichtliche. Es ist immer wieder allzu verführerisch, das Offensichtliche im Blick zu haben. Aber richtig gut wird es, wenn man den Blick auf die versteckten Aspekte legt.
Was bleibt
Apropos Perspektivwechsel und Selbstoffenbarung: Ich frage mich gerade, was ich hier eigentlich zum Ausdruck bringen will. Und was ich verschweigen will.
Warum blogge ich überhaupt?
Die Antwort ist eigentlich einfach: Ich blogge über Themen, die ich interessant oder gar wichtig finde und bei denen ich meine, dass dies hilfreich sein könnte. Meine Hoffnung ist, dass irgendjemand von dem, was ich hier schreibe, profitiert. That´s it.
Und worüber schweige ich? Nun, darüber möchte ich vermutlich nicht reden. Und das ist okay!

Herzlichst, Ihr
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