Degustationsabend Freistaat Flaschenhals im Kulturclub Biebrich

Freistaat Flaschenhals im Kulturclub Biebrich

Wer im Rheingau unterwegs ist, hat vielleicht auch schon einmal etwas vom Freistaat Flaschenhals gehört. Klingt zunächst nach einer weinseligen Idee, hat aber einen ernsten Hintergrund.

Kommen wir zunächst zu dem weinseligen Aspekt. Am 25. Oktober 2025 fand im Kulturclub Biebrich ein „Degustationsabend Freistaat Flaschenhals“ statt. Weiter unten dazu mehr.

Und nun zum ernsteren Hintergrund.

Was ist der Freistaat Flaschenhals?

Nach dem ersten Weltkrieg besetzten die Alliierten die linksrheinischen Gebiete sowie unter anderem zwei Brückenköpfe, die auch auf die rechte Rheinseite reichten mit einem Radius von jeweils 30 km um Mainz (Franzosen) und Koblenz (Amerikaner). Ein weiterer Brückenkopf mit Radius 30 km wurde um Köln von den Briten besetzt, ein kleinerer Brückenkopf wurde zusätzlich von den Franzosen um Kehl gebildet. Aber die beiden letztgenannten spielen in dieser Geschichte keine besondere Rolle.

Zwischen den beiden Brückenköpfen (Mainz und Koblenz) und dem Rhein wurde dabei ein Gebiet ausgespart, das nun zu keinem der besetzten Gebiete gehörte und logistisch von der Außenwelt abgeschnitten war. Es war den Alliierten durchaus bewusst, dass sie hier ein Gebiet in eine missliche isolierte Lage brachten, aber es scherte sie auch nicht weiter.

Die politische Führung wurde stellvertretend dem Lorcher Bürgermeister Edmund Pnischeck übertragen, da dieses Gebiet von den bisherigen Kreisverwaltungen abgeschnitten war. Lorch war der größte Ort in diesem abgetrennten Gebiet, das die Form eines Flaschenhalses hatte.

Dieser Zwang zur Selbstverwaltung begründete das, was als „Freistaat Flaschenhals“ in die Geschichte einging1Wikipedia zu Freistaat Flaschenhals. Edmund Pnischeck erklärte den Freistaat Flaschenhals am 10. Januar 1919 für unabhängig, was zwar aus rechtlicher Sicht keinerlei Relevanz hatte, aber den deutlichen Hang zur Selbstbehauptung widerspiegelte. Es wurde sogar ein eigenes Notgeld herausgegeben.

Drei Gänge, begleitender Wein und jede Menge Geschichte

Was geblieben ist vom Freistaat Flaschenhals, ist der Mythos, die regionale Küche und die guten Weine.

Clemens Würkner, Leiter des Kulturclub Biebrich und Inhaber des Friseursalons Clemens, in dem der Kulturclub Biebrich residiert, führte durch einen genussvollen, lehrreichen und unterhaltsamen Abend.

Zusammen mit seiner Mannschaft kredenzte er ein 3-Gänge-Menue mit passenden Weinen von Weingütern aus dem ehemaligen Freistaat Flaschenhals (Traubenwerk aus Lorch2Weingut Traubenwerk, Lorch, Weingut Bahles aus Kaub3Weingut Bahles, Kaub). Zum Empfang gab es Sekt eines Weingutes von der linken Rheinseite (Weingut Schild aus Sankt Katharinen4Weingut Schild aus Sankt Katharinen).

Zwischen den Gängen wurde von Clemens Würkner die wechselhafte Geschichte des Freistaates Flaschenhalses erläutert, deren turbulente Hochphase keine 2 Jahre dauerte. Mit dem Abschluss des Versailler Vertrages beruhigte sich die Lage vor Ort im Verlaufe des Jahres 1920 zunächst wieder.

Die missliche isolierte Lage führte zu allerlei Einfallsreichtum bezüglich der Versorgung mit allem Notwendigen. Besonderes Interesse fand bei den Gästen die Geschichte des Schmuggels, der damals aufgrund der unübersichtlichen Lage der verwaltungstechnischen Zuständigkeit regelmäßig ungeahndet blieb, wenn man nicht gerade von Grenzsoldaten erwischt wurde.

Insbesondere die Versorgung mit Schlachtvieh war problematisch, sodass hier auch Anreize für Viehzüchter in besetzten Gebieten bestanden, Teile ihres Bestandes aus dem Zugriffsbereich der Besatzer in den unbesetzten Freistaat Flaschenhals zu schaffen.

Für den damaligen Bürgermeister der Stadt Lorch, Edmund Pnischeck, der gleichzeitig Verwaltungschef des Freistaates Flaschenhals war, war es wichtig, die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Denn nur dann hatte er in der Bevölkerung hinreichenden Rückhalt gegen die Versuche der Franzosen, den Freistaat dem französisch besetzten Gebiet zuzuschlagen.

Und so kam es, dass nach Aussagen von Edmund Pnischeck der Freistaat Flaschenhals das erste Gebiet Deutschlands war, in dem die Lebensmittelkarten nach dem ersten Weltkrieg wieder abgeschafft werden konnten.

Fazit

Für mich war es die erste Veranstaltung dieser Art im Kulturclub Biebrich. Und es wird sicher nicht die letzte gewesen sein, ganz abgesehen davon, dass Clemens der Friseur meines Vertrauens ist.

Der vergnügliche, genussvolle und lehrreiche Abend endete offiziell um 23 Uhr. Wer wollte, konnte aber auch noch ein bisschen bleiben. Wir blieben ein bisschen länger.

Herzlichst, Ihr

Rolf Koch

Quellen und externe Links

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